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Johann Jakob Widmann

Ein Pionier der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts aus Heilbronn

Leben und Schicksal des Heilbronner Erfinders und Konstrukteurs der ersten deutschen Papiermaschine

Widmannstal        - ein industrielles Kulturdenkmal der Heilbronner Stadtgeschichte -

von Dr. Helmut Schmolz, Stadtarchivdirektor a.D. Heilbronn

 
Die Geschichte des 19. Jahrhunderts birgt in ihrem Schoß zahlreiche glückliche, aber noch mehr tragische Lebensschicksale von großen deutschen Erfindern des neuen Industriezeitalters. Ein Heilbronner Erfinder, Konstrukteur und Industrieller, Johann Jakob Widmann, ein kühner Autodidakt verereint in seinem Leben beide  Komponenten, die glückliche und die tragische. Die Herstellung von Papier hatte sich seit der Produktion des ersten Papierbogens in der Nürnberger Papiermühle im Jahr 1390 grundsätzlich bis 1798/99 nicht verändert. In einerBütte werden zerquetschte Leinenlumpen ("Haderlumpen") mit Wasser vermengt, der entstehende Brei mit einem einmaschigen Drahtsieb abgeschöpft. Diesen ließ man zum Papierbogen verfilzen, den man preßte, trocknete, leimte, glättete, sortierte und versandte. Kurz vor dem Jahre 1800 gelang dem Franzosen Louis Robert die Entwicklung eine ersten mechanisch bewegten Langsiebes. Dies war der erste Schritt zur maschinellen Papierherstellung.
 
Die Engländer John Gamble und Bryan Donkin konstruierten ca. 20 Jahre später die erste Papienmaschine, welche Endlospapier herstellte mit Lang-sieb, Gautschen, Naßpressen und Trockenzylinder. Bei der Aufstellung einer solchen Donkin-Papiermaschine, der ersten in Süddeutschland, im Jahre 1825 bei den Gebrüdern von Rauch in Heilbronn, erlebt der erst 25jährige Holz- und Beindrehermeister Widmann „die Wende" in seinem Leben. Fasziniert von der neuartigen Technik versenkt er sich bald in den Ablauf und das "Innenleben" der Maschine, erkennt ihre Mängel und konstruiert als Autodidakt wie in einem Traum eine völlig neue, höchstverbesserte und wesentlich erweiterte erste deutsche Papiermaschine, welche zudem nur den dritten Teil des Preises kostete, den der Engländer von den Käufern forderte. Damit revolutioniert Widmann nicht nur die Produktion der Papiermaschinen in der Welt, er macht Deutschland vom englischen Import unabhängig, wird in seiner Heimatstadt Heilbronn zu einem der ersten großen Industriepioniere und zum Initiator anderer großer württembergischer Industriebetriebe (Voitz in Heidenheim, Brielmaier in Ravensburg). Sein kometenhafter Aufstieg und sein ebenso rasant freilich selbst unverschuldeter Fall wird im folgenden Beitrag nachgezeichnet. Dieses außergewöhnliche Lebensschicksal wird auch noch den modernen Leser bewegen.
 
Vor den Toren der geschäftigen Industriestadt Heilbronn, genau gesagt zwischen Frankenbach und Neckargartach, fühlt man sich im Leinbachtal fast wie in einer ländlichen Idylle versetzt. Der kaum zwei Meter breite Leinbach, vor tausend Jahren als „Gartach“ namengebend für verschiedene fränkische Siedlungen (Groß-, Klein-, Neckargartach) und einen großen fränkischen Gau (Gartachgowe), schlängelt sich auf der letzten Strecke seines kurzen Weges, vom Ursprung am Nordhang des Heuchelberges bis zur Mündung in den Neckar im Ort Neckargartach, beschaulich an Wiesen und Feldern vorbei. Weiden, Erlen und anderes Gebüsch begleiten und kennzeichnen den Bachverlauf.
Der Leinbach
 
- vom Nordhang des
Heuchelbergs bis zur
Mündung in den Neckar
im Ort Neckagartach -
Man glaubt, hier sei die Zeit stille gestanden, hier habe die neue, die Maschinen- und Industriezeit noch nicht ihre lechzende Zunge in das Tal gestreckt. Allein, der Schein trügt. Bei genauerem Betrachten bemerkt man, dass gerade da, wo die Markungen von Frankenbach und Neckargartach zusammenstoßen, Menschenhand einmal den natürlichen Bachlauf angetastet, ihm Wasser entzogen und in einen künstlichen, schnurgerade geführten, genau 250 Meter langen Kanal geleitet hat. Freilich, dieser Kanal und seine Wehre haben schon lange ausgedient. Die Wehre verrotten, der Kanal verlandet; in wenigen Jahrzehnten weiß kaum jemand mehr etwas von ihm.
 
Wohin führt er aber heute noch sichtbar? Auf ein mitten zwischen den Dörfern, lange einsam im Tal gelegenes Gebäude, in welchem leise ein Elektromotor summt und Wasserpumpen Trinkwasser in das Heilbronner Wassernetz fördern. Dieses Gebäude, in dessen Nähe in den letzten Jahren einige Wohnbauten sich ansiedelten, trägt die Straßenbezeichnung „Widmannstal“. Und hier, in dieser scheinbar so unverfälschten ländlichen Umgebung, hat sich vor jetzt 128 Jahren, von 1840-1849, ein menschliches und ein wirtschaftliches Drama in der ersten Phase des Industriezeitalters abgespielt, das unsere Aufmerksamkeit und Anteilnahme verdient.
 
Doch kehren wir zunächst einmal wieder in die Stadt Heilbronn zurück, an einen anderen Platz, an jenen, da das Drama seinen Ausgang nahm. Heute fahren in ununterbrochener Folge Autos am Berliner Platz gerade über jene Stelle, an der einst, kurz nach 1830, ein neues Wohnhaus, damals außerhalb, „vor den Toren der Stadt“ stand. Neben ihm waren verschiedene einfache Hütten, Schopfen und Anbauten aufgerichtet, in denen gehämmert, gegossen, gefeilt wurde. Da keine Wasserkraft vorhanden war, sorgte ein Pferdegöpel für die nötige Antriebskraft. Aus dem Kamin eines Kupolofens, eines schachtförmigen Ofens zum Erschmelzen des Gußeisens, wälzte sich dunkler Qualm. Was wurde einst hier vor dem Sülmertor, was im Leinbachtal produziert? Heilbronn ist im Lande bekannt als Stadt des Weinbaus, des Handels und der Industrie. Wenn man allerdings heute von Industrie spricht, denkt man in der Regel nicht an die eigentliche Urzelle der Industrialisierung, die Papiermühlen.
 
Es war ein weiter, oftmals beschwerlicher Weg von der Papiermühle in Nürnberg, in welcher im Jahre 1390 erstmals in Deutschland Papier aus Leinenlumpen hergestellt wurde, bis hin zu den Papiermühlen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Über 400 Jahre lang änderte sich technisch kaum etwas an der Erzeugung des neuen Schriftträgers, der bald zum Maßstab für die Kulturhöhe eines Volkes werden sollte. Man vermengte die in einem  Stampfgeschirr zerquetschten Lumpen mit Wasser in einer Bütte. Mit einem feinmaschigen Drahtsieb schöpfte man den Brei aus der Bütte („Büttenpapier“) und ließ die Fasern zum Papierbogen verfilzen. Dann preßte, trocknete, leimte, glättete, sortierte und versandte man das Papier. 1570 wird die erste Papiermühle in Heilbronn genannt. Bald sind es mehrere. Ihren Standort haben sie verständlicherweise am Neckar, bei der „Insel“ und am Bollwerksturm. Der Beruf des Papierers war nicht leicht. Der Tod des Matthias Decker am 22. Januar 1868 macht uns das mehr als viele Worte deutlich: „Da er eißen (enteisen) wollte,unter das rad (Wasserrad) gekommen und von demselben ins Wasser hinaus-gestoßen worden, allwo er sich noch an einem Weidenbusch erhebt und nach langem schreyen heraus gezogen worden. Er konnte zwar noch in seine Stube hinauf gehen, allein das blut lief ihm zu den ohren heraus und er mußte an dem nemlichen Tag, da ihm dieses Unglück widerfuhr, nachts zwischen 7 und 8 Uhr sterben.“
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich zwei bedeutende Papierfabriken in Heilbronn aus dieser Tradition herausentwickelt: die Schaeuffelen’sche beim Bollwerksturm und die Rauch’sche anstelle einer Pulvermühle auf der "Insel“.
Blick über
den Park der G.Schaeuffelschen Papierfabrik auf
die Stadt Heilbronn, zwischen 1841 und 1844,
 
gez. und gest. von TH. Rausche
Beide sollten beim Übergang zur maschinellen Papierherstellung in Deutschland eine entscheidende Rolle spielen. Mit der fortschreitenden Entwicklung wuchs der Bedarf an Papier in aller Welt mehr und mehr. Ihm gerecht zu werden, kamen zur papiererzeugenden Industrie auch papierverarbeitende Unternehmen hinzu, von denen man im Jahre 1914 hier allein 17 Betriebe zählte. Von den ältesten und heute noch blühenden Unternehmen seien nur drei genannt: die Papiergroßhandlung Carl Berberich (1863), die Geschäftsbücherfabrik Baier & Schneider (1877) und die Briefhüllen-fabrik Ernst Mayer (1877). Mit vollem Recht konnte man Heilbronn bereits im 19. Jahrhundert als die „Stadt der Papierer "bezeichnen. Freilich nicht im Blick auf jene Geschichte des schwäbischen Dichters Sebastian Sailer, wo der Herrgott den Adam raten lässt, aus was er wohl erschaffen sei. Als der gute Adam nämlich erfährt, weder aus Stein noch aus Metall geschaffen zu sein, meint er: „So bin i halt Papeier“, worauf er die Antwort erhält „Noi, du bischt noh räuher".
“Das milde Klima Heilbronns ist überall bekannt, das „rauhe“ der ersten Phase der Industrialisierung weit weniger. In ihm erfroren manche Blüten, welche zu schönsten Hoffnungen berechtigten. Das Lebensschicksal eines Mannes, der in der Fachwissenschaft kaum, in der Allgemeinheit überhaupt nicht bekannt ist, und von dem man bis vor wenigen Monaten nur ganz wenige, zufällige persönliche Angaben wußte, mag uns dies deutlich machen.
 
Als Sohn einer einfachen Heilbronner Handwerkerfamilie erblickt am 3o. Januar 1799 Johann Jakob Widmann das Licht der Welt. Der Vater, Johann Friedrich, ist ein einfacher Holz- und Beindreher. Dies soll auch der Sohn einmal werden. Doch früh regen sich in diesem andere Neigungen und Talente. Der 9-jährige Bub konstruiert kleine Mühlen und Wasserräder, die er am Neckar aufstellt und betreibt. Es berührt eigenartig, wenn man weiß, dass 15 Jahre später ein anderer kleiner Junge hier in Heilbronn am Pfühlbach Wasserrädchen setzt und auf die Idee verfällt, ein Perpetuum mobile zu konstruieren. Dieser Bub sollte einmal ein Grundgesetz der modernen Naturwissenschaft entdecken und ein berühmter, Naturwissenschaftler, nämlich Dr. Robert Mayer,werden! Was aber wurde aus dem kleinen Mühlenbauer Johann Jakob ?
 
Nun, er musste das Handwerk des Vaters erlernen. Und da man zum Beruf des Drechslers viel Geschicklichkeit, Fleiß und Ausdauer brauchte, wurde der junge Mann, der diese Eigenschaften hervorragend in sich vereinigte, bald die Stütze der betagten Eltern. Seine Spinnrädchen, Flöten und „ingeniösen Hornarbeiten“ machten ihm weit umher einen Namen. Allein, es trieb ihn in die Fremde. „Sein reger Geist“ hatte zu Hause keine Ruhe mehr. Zwei Jahre ist er unterwegs, kam dabei soweit wir bisher sehen können - bis nach Prag, muss aber im Jahre 1822 rasch nach Hause zurückkehren, da sein Vater an einer schweren Krankheit leidet. Der Sohn übernimmt das Geschäft des todkranken Vaters und die Versorgung der Familie. Er wird vorzeitig Meister und erhält 1823 die gemeinderätliche Einwilligung für die Heirat als "Minderjähriger“ (er war noch nicht 25 Jahre alt). Am 8. Juni dieses Jahres heiratete er die Heilbronner Metzgerstochter Katharina Louise Nothwang, welche damit ihr Schicksal mit jenem schweren ihres begabten, vorwärts, drängenden, tüfteligen Mannes verband und ihm lebenslang zu einer festen, großartigen Stütze werden sollte.
 
Johann Jakob Widmann spürte Kräfte in sich, die ihn nicht zeitlebens in der Enge seines Drechslerberufes beließen. So wird er z. B. zu den Vorarbeiten für die Stempel zur Prägung der neuen württembergischen Ein- und Zwei-Guldenstücke, deren Gravierung  Peter Bruckmann von der Regierung übertragen worden war, herangezogen und zu vielen anderen ähnlichen Tätigkeiten, besonders für die Firma Bruckmann. Da bringt ein Ereignis in Heilbronn 1825 die Wende im  Leben Widmanns. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe, „der seinem Geiste eine Richtung gab, in welcher er beginnen konnte, sich zu einem höheren Ziele fortzubewegen“ (Widmann).
 
Kurz vor der Jahrhundertwende (1798/1799) hatte der Franzose Louis Robert mit der Erfindung des mechanisch bewegten Langsiebes den entscheidenden Schritt zur maschinellen Herstellung des Papiers eingeleitet. Die Engländer John Gamble und vor allem Bryan Donkin entwickelten daraufhin die ersten Langsiebmaschinen mit Gautschen, Naßpressen und Trockenzylindern.Sie 400 Jahre lang fast gleich gebliebene Papiererzeugung wurde dadurch mit einem Schlage revolutioniert. Wagemutige, findige Kauf­ und Handelsleute stürzten sich auf diese neue Erfindung. Die Heilbronner Firma Gebrüder Rauch, die seit 1787 eine Öl-, eine Tabak- und Farbholzmühle auf der „Insel“ betrieben hatte, war die zweite Firma in ganz Deutschland, die sich zur Endlos-Herstellung von Papier entschloss. Sie erwarb 1823 von den Engländern die württembergische Lizenz für Maschine und Herstellungsverfahren und stellte bereits 1825 eine Donkin-Maschine auf. Sie erkannte in dieser Erfindung die Möglichkeiten für künftige gute Geschäfte und verlagerte von da an mehr und mehr den Schwerpunkt ihres Unternehmens von der Öl- auf die Papiererzeugung.
 
Der Zufall allerdings wollte es, dass bei der Aufstellung dieser ersten englischen Papiermaschine in Süddeutschland verschiedene Ersatzteile benötigt wurden. Die englischen Monteure wurden in ihrer Not auf den „Mechanikus“ Wid-mann aufmerksam gemacht, der dann auch die benötigten Teile zur Zufriedenheit herstellte. Diese Begegnung mit der neuen Maschine sollte Widmanns Leben entscheidend ändern. So flüchtig diese Vision war, prägte sich doch das Hauptbild derselben so tief in Widmanns Seele und regte sein natürliches Talent und seinen Unternehmungsgeist so stark an, dass er bei sich beschloss, den Versuch zu wagen, ob er nicht auch sich in den Bau einer Maschine zur "Fabrikation endlosen Papiers finden und eine solche zu Stande bringen könne“. Es war gewissermaßen eine Initialzündung.
 
Widmann vergisst alles, was ihn bisher bestimmte: den Beruf, die Familie. Er vergräbt sich in eine Bodenkammer, arbeitet hinter verschlossenen Türen verbissen mehrere Sommermonate hindurch an seinem Projekt, ohne seiner Frau oder den Freunden - welche sich bereits sorgen, er könnte der Konstruktion eines undurchführbaren Perpetuum mobile nachhängen - auch nur das geringste zu verraten. Widmann selbst (oder ein nächster Angehöriger) schildert dann die Lüftung des Geheimnisses so: „Eines Tages trat endlich Widmann in das Wohnzimmer zu seiner Gattin und erklärte ihr, dass er nun mit dem Martergeschäft, worüber man ihn so sehr gequält habe, fertig seye. Er hatte in seiner Klause ein möglichst accurates und vollständiges Modell einer Papiermaschine mit einziger Hilfe seines Kopfes, seiner Phantasie, seiner Berechnungsgabe und seiner Handgeschicklichkeit zu Stande gebracht.“
 
Widmanns Leistung kann heute nicht hoch genug eingeschätzt werden, hatte er doch praktisch überhaupt keine entsprechende Vorbildung. Es gelang ihm, eine besondere „Heilbronner Maschine“ eigener Bauweise mit einer zweiten Naßpresse, einem kleinen Vortrockenzylinder, einem großen Trockenzylinder und einem 4-Walzenglättwerk zu schaffen und damit das englische Patent zu umgehen. Widmann wurde zum ersten deutschen Papiermaschinenkonstrukteur!
 
Jedoch zur Umsetzung des Modells in eine produzierende Maschine fehlten Widmann die finanziellen Mittel. Er suchte nach einem Interessenten und fand ihn sogleich in dem tatkräftigen Unternehmer und Konkurrenten der Gebr. Rauch, dem Papierfabrikanten Gustav Schaeuffelen, der 1821 die seit 1708 beim Bollwerksturm bestehende Ebeke’sche Papiermühle, die natürlich noch handgeschöpftes Büttenpapier herstellte, übernommen hatte. Instinktsicher erkannte der geschäftstüchtige Schaeuffelen die große Chance, welche in dieser Erfindung Widmanns steckte. Er ließ diesen ein noch größeres Funktionsmodell, welches bereits Papier erzeugte, herstellen, ehe er ihm dann den Auftrag zum Bau der ersten deutschen Papiermaschine erteilte. Schon im Jahre 1829 konnte diese Maschine im Schaeuffelen’schen Betrieb aufgestellt werden und verhalf diesem zu einer umfangreichen Fabrikation endlosen Papiers
 
„Nun fing ein heller Glücksstern dem rüstigen und unermüdlichen Mechaniker zu leuchten an“, so kann man in der erst vor kurzem entdeckten Lebensbeschreibung Widmanns lesen. Die Nachricht vom Bau dieser ersten deutschen Papiermaschine verbreitete sich rasch. Schon im Jahre 1830 begab sich Widmann für fast zwei Jahre nach Heidenheim, wo er eine 1,30 m breite Maschine für die Papiermühle von Rau und Voelter konstruieren und aufstellen musste. Bei dem Bau dieser Maschine beteiligte sich damals auch der Heidenheimer Schlossermeister Johann Matthäus Voith, der bereits 6 Jahre später, 1837, für die Firma Voelter und Sohn nach dem System Widmanns selbst eine Papiermaschine baute. Mit Recht darf man somit feststellen, dass die weltberühmte Heidenheimer Papiermaschinenfabrik Voith auf den Heilbronner Mechaniker Widmann zurückgeht!
 
Noch in Heidenheim, wo sich Widmann mit seiner Familie bis zum August 1831 aufhielt, baute er (wohl bei Rau und Voelter) eine weitere Maschine für den Ravensburger Papierfabrikanten Brielmaier (heute Escher Wyß). Als er nach Heilbronn zurückkehrte, hatte er seinem ersten Auftrag- und Geldgeber, G. Schaeuffelen, eine zweite Maschine zu bauen. Trotz dieser großen Erfolge konnte sich Widmann finanziell nicht genügend kräftigen, da ihn Schaeuffelen unangemessen gering bezahlte und er bei den anderen Auftraggebern sehr nieder kalkulierte. Während die englische Donkin-Maschine umgerechnet rund 51 000 Mark kostete, verkaufte Widmann seine eigenen für nur etwa 17 000 Mark. Zudem regten sich bereits Neid und Mißgunst. Schaeuffelen baute nämlich in seinem eigenen Betrieb Papie-rmaschinen nach dem System Widmann und machte diesem Konkurrenz. Es rächte sich bitter, dass Widmann seine Erfindung nicht zum Patent angemeldet hatte. Er fiel in eine Krise.
 
„Da raffte der Gedrückte sich auf“, - so wieder seine Biographie - „die Welt erweiterte sich ihm; man lernte den Propheten außer seiner Heimat kennen. Von nun an war er nie mehr ohne Beschäftigung, und vielmehr fand er vie-lfache Gelegenheit, tiefer in das ihm vom Himmel angewiesene Fach einzudringen.“
 
Der Heilbronner Mechaniker erhielt Aufträge aus Schlesien, der Steiermark, aus Böhmen, aus den Niederlanden, Berlin und Galizien, ja er unternahm Reisen nach Bukarest und bis nach Konstantinopel, wohin er seine Papiermaschinen zu liefern hatte. Was der Transport der Maschinen zur damaligen Zeit bedeutete, als es noch keine Eisenbahn gab, wie beschwerlich die Reisen und der Aufbau der Maschinen mit ungelernten Arbeitern in fremden Ländern sein mussten, kann man heute wohl nur erahnen.
 
Mit Recht muss man fragen: wo hat Widmann gearbeitet? Doch wohl nicht mehr im elterlichen Handwerksbetrieb? Mit großer Sicherheit kann man schließen, dass er nach seiner Rückkehr aus Heidenheim (1831) sich vor dem Sülmertor, also im Norden der Stadt, ein Wohnhaus errichtete (Nr. 1060 und später noch 1060 a). Es ist bezeichnend für die damalige Zeit, dass die zukunftsträchtige Industrie aus der Enge der Stadt hinausgedrängt wurde, es ist aber ebenso charakteristisch, dass man den Widmann’schen Betrieb, der so sehr von der billigen Wasserkraft abhängig war, vom Neckar fernhielt, ihm Wasserrechte versagte und ihn „draußen vor dem Tor“, an der alten Zwingermauer, ansiedelte, dort, wo heute die Turmstraße und Allee zusammenführen. Und hier muss Widmann nun bis zum Jahre 1840 einen Kleinkrieg gegen kleinliche, unverständige Behörden, mißgünstige Nachbarn und die einflußreichen Konkurrenten führen. Seine Werkstatteinrichtungen scheinen sehr primitiv gewesen zu sein.
 
Es ist die Rede von Arbeitsschuppen, von einfachen Anbauten an das Wohnhaus, in welchem ursprünglich sogar gegossen wurde, denn erst 1835 wird der Gießherd mit Gewölbe vom Wohnhaus in die angebaute Werkstatt verlegt.Da Widmann die Wasserkraft vorenthalten wird, muss er einen Göpel, ein Roßwerk einrichten, d. h. die Zugkraft der Pfer-de als Antriebsquelle für seine Maschinen benutzen. Alle diese provisorischen An- und Zubauten werden ihm nur auf jederzeitigen Abbruch gestattet, da die Stadt mit dem Abbruch der alten Stadtmauer umgeht, den Stadtgraben auf-füllen und neue Wohnhäuser hier errichten will. So erklärt der Stadtrat z. B. im Jahre 1837, dass er wohl „in Berücksichtigung des dringenden Bedürfnisses seines - des Widmann’schen - Gewerbes“ die Anträge Widmanns für höchstens 2 Jahre genehmigen könne, ihn aber „ausdrücklich darauf aufmerksam machen müsse, dass er seine Werkstätte überhaupt bald verlieren werde“. Wie weit der Kleinkrieg ging, zeigt deutlich ein stadträtlicher Beschluss vom 14. Dezember 1837, mit welchem Widmann eine Dunglege (wohl vom Pferdegöpel herrührend) zwischen einem Schupfen hinter seinem Wohnhaus und der Allee weggesprochen wird, „indem der öffentliche Spaziergang dort vorbey geht“.
Umso mehr verdient unter diesen beengten, primitiven, dauernd in Frage gestellten Verhältnissen die Leistung Widmanns und seiner Mitarbeiter unsere Bewunderung. Wie groß kann bei diesen bedrängten Umständen sein Betrieb gewesen sein? Nun, darüber gibt gerade für dieses Jahr 1837 das Stadtratsprotokoll vom 16. November Aufschluss. Dort äußern sich die Stadtväter über Widmanns Betrieb so:
„ ...  dass der Bittsteller ein ausgedehntes Geschäft in Verfertigung von Maschinen, namentlich für Fabrikation end-losen Papiers habe, dass er selbst Drehermeister sey, dass er mit 4 Drehergesellen, 2 Dreherjungen und 12 Schlos-ser- und Zeugschmiedgesellen arbeite, und dass sich seine Gewerbseinrichtung von dem gewöhnlichen handwerksmäßigen Betriebe des Dreher und Schlossergewerbes auf eine die Fabrikation fördernde Weise unterscheide, wie denn namentlich auch die Dreherey nicht auf gewöhnliche Art, sondern vermittelst eines Pferdegetriebes vor sich gehe.“Widmann erhält auch von der Regierung mit Erlaß vom 17. November 1837 die Konzession zum Betrieb einer Maschinenfabrik, was den Stadtrat lediglich zu der Äußerung veranlaßt „ad acta.
"Die zwei Papiermühlen",
links Gebr. von Rauch, rechts G.Schaeuffelen, um 1823 ,
 
 
Lithographie
Gebr. Wolff
 
Widmann’sche Unternehmen beschäftigte also, wenn man ihn selbst und seine Frau, welche die Buchhaltung führte, mitzählt, mindestens 20 Personen. Was diese Zahl heißt, kann man erst voll ermessen, wenn man weiß, dass damals die Firma Krupp in Essen erst 11, die größte deutsche Maschinenfabrik aber, Kamp & Cie. in Wetter, nicht mehr als 50 Arbeiter beschäftigten.
 
Die räumliche Enges eines Geschäftsunternehmens, die Ungewißheit des möglichen Abbruchs und die laufenden Aufträge hatten Widmann schon am 13. Oktober 1836 zu der Bitte an den Stadtrat veranlaßt, ihn doch am Neckar, und zwar im Kleinäulein, auf städtischem und Spitalgrund ein Gebäude mit Wasserkraft einrichten und hierzu einen Kanal graben zu lassen. Die Behandlung dieses berechtigten und dringenden Gesuches zeigt sehr deutlich, wie weit zur damaligen Zeit die Kommunen noch von der Förderung der Industrie entfernt waren, und wie sehr Privatinteressen obsiegen konnten. Zunächst erheben nämlich allein drei Anlieger gegen das Widmann’sche Projekt Einspruch: C. B. Bläß, der Pächter der Naturbleiche auf dem „Spitalgrien“, der sog. Bleichinsel; der Konkurrent G. Schaeuffelen, der ja ganz in der Nähe seine Papierfabrik und seinen Papiermaschinenbau, der gerade 1837 zur Produktion reift, besitzt, und endlich der Kaufmann Karl David Metz.
 
Während Bläß gegen jedwelche Industrieansiedlung ist, würden Schaeuffelen und Metz gegen „die Errichtung einer Dreherei und Schleiferei nichts einwenden, gegen jedes andere, die Luft und Umgegend verunreinigende Gewerbe et-wa, es möge Namen haben, welchen es wolle ... protestieren. Als schließlich die Einsprecher noch erfahren, Widmann wolle in seinem neuen Mühlwerk einen Kupolofen zum Metallschmelzen aufstellen, laufen sie dagegen im Stadtrat, dessen Ohr sie offensichtlich besitzen, Sturm. Sie erreichen, dass Widmann nur unter der Bedingung hier bauen dürf-te, wenn er bereit wäre, den Kanal zu überwölben, den alten Bleichweg zu erhalten und den Kupolofen auf das erste Verlangen ohne jede Angabe von Gründen und ohne jede Entschädigung abzubrechen, und im Voraus auf jeden Einspruch durch eine richterliche oder Verwaltungsbehörde verzichte. Als Widmann empört darüber klagt, dass „man ihn doch nicht außer alles Recht stellen“ wolle, meint der Stadtrat lakonisch, er wolle später durch höhere Behörden „nicht geniert sein“.
 
Da die Erweiterung seines Betriebes Widmann auf den Nägeln brennt, muss er schließlich durch seine Ehefrau - da er (wohl auf Montage) abwesend ist - alle aufgezwungenen Bedingungen annehmen. Und noch einmal gelingt es seinen Gegnern, das Verfahren zu verzögern, da die Frau Widmanns zunächst keine schriftliche Vollmacht ihres Mannes vorlegen kann. Als dies dann im März 1837 der Fall ist und der Genehmigung nichts mehr im Wege steht, erklärt plötzlich der Bleichpächter Bläß, dass durch diese von Widmann angenommenen Bedingungen „noch keine Garantie dafür gegeben seye, dass die Bleiche keinen Nachteil leide“. Damit stand man wieder am Anfang.
Widmann sah sich in einer verzweifelten Lage. Seine provisorischen Werkstätten beim Wohnhaus waren viel zu klein und konnten jederzeit (spätestens 1840) entschädigungslos von der Stadt abgebrochen werden, und sein Projekt am Kleinäulein wurde ihm nicht genehmigt. Da löste er sich von der Stadt, welche keinerlei Entgegenkommen zeigte. In raschem Entschluß erwarb er zwischen den Dörfern Neckargartach und Frankenbach großes Gelände am Leinbach, das durch die Wasserkraft des Baches für seinen Betrieb besonders geeignet war.. Ob Widmann selbst auf dieses Gelände aufmerksam wurde, ob es ihm die Gmeinde Neckargartach antrug, wir können es heute leider nicht mehr feststellen. Innerhalb kurzer Zeit entsteht hier - mitten auf freiem Feld - eine große Fabrikanlage mit mechanischer Werkstätte (welche allein 150 Schuh, d. h. fast 50 Meter lang war), Papierfabrik, Dreherei, Gießerei, Brunnenstube und Wohnhaus mit Parkanlage. Widmann muss hierfür jedoch, da er keinen Staatszuschuss erhält, bei dem Besitzer eines Heilbronner Handlungshauses 36 000 Gulden aufnehmen. Doch der glänzende Geschäftsgang von 1840 bis 1844 rechtfertigt dies. Außerdem hatte Widmann für das Jahr 1844 ein königliches Darlehen von nicht weniger als 50 000 Gulden in Aussicht, welches die günstigen Auskünfte des Ausschusses der Gesellschaft für Beförderung der Gewerbe in Stuttgart und nun auch der Stadt Heilbronn veranlaßt hatten.
Im entscheidenden Moment aber verließ Widmann sein Glück: das trostlose Hungerjahr 1846 ließ die Aufträge langsamer fließen, die politischen Unruhen der Jahre 1848/49, die jeden Augenblick in Bürgerkrieg überzugehen drohten, brachten das wirtschaftliche Leben vollends zum Stocken. Da zog auch noch der Heilbronner Geldgeber (vielleicht von der Konkurrenz ermuntert) plötzlich das Widmann gewährte gesamte Darlehen von 36 000 Gulden ab.
Widmann, der zu dieser Zeit nach einer amtlichen Quelle nicht weniger als 50-80 Personen in seinen verschiedenen Unternehmungen beschäftigte, sah sich, nachdem die jahrelang betriebenen Bemühungen um ausreichende Mittel beim König und bei der Württembergischen Hofbank schließlich doch erfolglos geblieben waren, plötzlich dem Bankrott und der Zwangsversteigerung gegenüber. Er muss die Zahlungen einstellen; sein gesamtes Unternehmen, das amtlich mit 110 000 Gulden (nach heutigen Begriffen ein Millionenwert) eingeschätzt war, ersteigerte der Heilbronner Geldgeber, der durch den plötzlichen Abzug seines Darlehens die Krise ausgelöst hatte, für lächerliche 30 000 Gulden.Aus einem erschütternden Brief der Frau Widmanns an den württembergischen König vom 23. Dezember 1851 wissen wir, welch unendliches Leid durch diesen Zusammenbruch auf Johann Jakob Widmann und seine Familie mit 11 Kindern hereinbrach.
 
Der geniale Autodidakt konnte diesen Zusammenbruch seines Lebenswerkes nach 25jähriger entsagungs- und erfolgreicher Arbeit nicht verwinden. Im Juli 1849 musste die Familie aus dem Fabrikanwesen im Leinbachtal ausziehen, am 22. August des gleichen Jahres schon verließ der 51 jährige, gramgebeugte Mann mit der ältesten Tochter und dem ältesten Sohn auf dem Dampfboot Heilbronn zur Fahrt nach Rotterdam und nach Amerika, ins Goldland Kalifornien. Dort wollte er das Glück ein zweites Mal erhaschen, um heimkehrend seinen Betrieb wieder zurückkaufen zu können. Doch es sollte anders kommen.
 
Als die Frau und die 9 Kinder, welche nach dem Zusammenbruch nach Karlsruhe verzogen waren und sich kümmerlich durchschlugen, nach 16 Monaten bangen Wartens die erste Nachricht vom Manne und Vater aus Amerika erhielten, klang diese wenig verheißungsvoll.
Widmann litt sichtlich, war krank geworden und konnte im fremden Land nicht Fuß fassen. Seine Frau musste derweil in Deutschland für ihre 9 Kinder um Brot gehen, sie, welche „mit Energie und mit allen Mitteln des Verstandes den Umsturz des Geschäftes ihres Mannes zu verhindern versucht hatte und . . . gegen Arme beispiellos mildtätig“ gewesen war, wie ihr der Heilbronner Stadtrat selbst bestätigte. In echter Gattenliebe wagt jetzt Louise Widmann den letzten Schritt. Um ihrem bedrängten Ehemann nahe und eine Hilfe sein zu können, beantragt sie beim württembergischen König selbst die Auswanderung nach Amerika und eine Unterstützung hierzu.
Dies wird ihr - freilich nur zusammen mit den kleinen Kindern - genehmigt. Louise Widmann, welche in rührender Anhänglichkeit an den württembergischen König ihr Gesuch mit „furchtlos und treu“ jenem altwürttembergischen Wahlspruch geendigt hatte, sie verzichtet - auch für ihre Kinder - auf das württembergische Staatsbürgerrecht und reist mit ihnen 1852 furchtlos und treu zu ihrem Mann nach Amerika. Dort ist die gesamte Familie verschollen.
Der Widmann’sche Betrieb wurde im Leinbachtal zunächst nur als Papierfabrik weitergeführt, dann zu einer Hammerschmiede verkleinert, schließlich reines Hofgut. Bald schon riss man große Teile des Anwesens ab.
1905 kam in den verbliebenen Rest eine Pumpstation des Heilbronner Wasserwerkes, welche sich heute noch darin befindet. Das einstige Wohnhaus der Familie wurde vor einigen Jahren bis auf die Grundmauern abgetragen, ohne dass man wusste, dass hier einmal die erste Phase der Heilbronner Industrialisierung sich abgespielt hat.
"Papierfabrik Widmannstal",
-einzig erhaltene zeitgenössiche Darstellung aus der Frühzeit der Widmannschen Papiermaschinenfabrik, um 1835,
aus einem Sammelbild "Heilbronn und seine Umgebung",
 
 
 
 
 
gez. und gest.
von Th. Rausche
Ein Bild, aus dem man Johann Jakob Widmanns Gesichtszüge, seine Gestalt erkennen könnte, gibt es leider nicht (mehr?). Können wir also über seine äußere Erscheinung nichts aussagen, so ist es uns doch möglich, etwas von seinem Wesen, seinem Charakter zu vermitteln. Der geniale Autodidakt, in manchem verwandt mit großen technischen Schöpfern wie dem Müllersohn Daniel Straub, dem Waisenkind Wilhelm Maybach, der ebenfalls Heilbronner war, oder dem Bauernsohn Robert Bosch, war ein Grübler,  ein Tüftler, schwäbisch ein „Brettlesbohrer“. Er hatte eine ungemein technische Begabung - in dieser frühen Zeit besonders hoch einzuschätzen -, Phantasie, Ausdauer. Dabei war er bescheiden und trat schüchtern auf, wie ihm der Heilbronner Stadtrat am 25. Januar 1844 bestätigte. Bei allen Begutachtungen seiner Gesuche bescheinigen ihm die verschiedensten Behörden Würdigkeit und Lauterkeit.
Er selbst sah seine Fähigkeiten, seine Kenntnisse demütig als „mir vom Himmel verliehene Anlagen“. Er blieb bescheiden im geschäftlichen Erfolg, mildtätig gegen Arme, er trug aber auch aufrecht den Zusammenbruch seiner Lebensarbeit, ja - er versuchte als 51 jähriger nochmals einen Neuanfang. Unterstützt wurde er dabei von einer lebenstüchtigen, arbeitsamen Frau, welche sich ihrem Mann und ihrer großen Familie aufopferte. Warum kam dann aber der Zusammenbruch? In erster Linie aus den geschilderten wirtschaftlichen und politischen Katastrophen, auf welche Widmann keinen Einfluß nehmen konnte, aber auch deshalb, weil er sich wohl mit dem im Leinbachtal durch das Unverständnis seiner Zeitgenossen erzwungenen Fabrikneubau übernommen hatte. Die finanzielle Rücklage, das Polster fehlte. So könnte man fast sagen, Widmann war (wie es so oft vorkommt) ein großartiger Techniker, ein glänzender Autodidakt, aber ein schwacher Kaufmann. Widmann war in eine Zeit und Umgebung geboren, welche ihn letztlich nicht verstand.
Was man rückblickend als kleinliche Schikanen auffassen kann, mag oft konservatives Denken gewesen sein, so z. B., wenn man Widmann verbietet, in sein auf der äußeren Zwingermauer vor der Stadt sitzendes Haus rückwärts eine Tür in den Stadtgraben zu brechen, damit er in seinen Keller gelangen kann (man fürchtete um die Sicherheit der Stadt); oder wenn man ihm aus dem gleichen Grund um seinen Garten einen Bretterverschlag auferlegte und ihn keine Türe einbauen ließ, so dass er durch das Sülmertor gehen musste, wenn er vor die Stadt wollte, vor der er ja schon wohnte!  Letztlich kann man sagen, dass sowohl die staatlichen als auch die städtischen Behörden versagt haben in der Förderung eines aufblühenden Industriezweiges, der „den Keim zu Manchem enthalten dürfte“ (Widmann in einer Eingabe); der Heilbronn für mehr als 2 Jahrzehnte zum Mittelpunkt der deutschen Papiermaschinenindustrie, der Deutschland vom Ausland auf diesem Industriezweig unabhängig und konkurrenzfähig machte, der „vielen Personen . Beschäftigung und Nahrung“ (Widmann) gab und „bedeutende Geldsummen ins Land zog“.
 
Nachweislich mehr als 50 "Heilbronner Papiermaschinen“ gingen in zwei Jahrzehnten nach Deutschland und Europa hinaus. Sie kündeten vom Anbruch eines neuen Zeitalters, des Industriezeitalters, dem Johann Jakob Widmann als der Begründer der deutschen Papiermaschinenindustrie durch sein schweres Schicksal den Tribut zu entrichten hatte.
 

 

 

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